iittala - Kaj Frank

Präger des finnischen Designs

Walter Zelmer

DIE STÄRKE DES FINNISCHEN

Designers Kaj Franck (1911 - 1989) lag in seiner Konsequenz. 

Sein Talent verschaffte ihm einen internationalen Ruf. So manches Talent bleibt jedoch, wie wir wissen, ungenutzt, wenn die Strömungen der Zeit über den eigenen inneren Antrieb dominieren. Kaj Franck hielt stand. Konsequent und unbeirrt ließ er sich in allen Phasen seines Schaffens, auch auf der Höhe seines Ruhmes, nur von seinem inneren Ruf leiten. 

Kaj Franck gilt als „das Gewissen des finnischen Designs". Weshalb, erschließt sich beim Betrachten seiner Arbeiten: Franck wollte die Gegenstände unauffällig gestalten, so daß man sie eigentlich gar nicht wahrnimmt. Ihre Schönheit sollte den Formgestalter und auch die Gegenstände selbst vergessen machen. 

Was ist diese Schönheit? 

Die Schönheit von Wind und Luft, Wasser und Himmelsgewölbe. Eine von der Vergangenheit für die Zukunft geformte Schönheit. Formen in einer von langen Zeitläufen geprägten Gestalt, die jegliche Umformung ausschließt. Materialien, Erfahrungen und Gedanken, vom Zeit- und Lebensstrom abgeschliffen und reduziert und dadurch frei von allem, was überflüsig ist, überladend wirkt oder den Urheber betont. 

Kaj Franck meinte, die Schönheit eines zum Leben gehörenden Gegenstands liege in seinem Zweck. 

,,Ist denn schön letztlich nicht gleich notwendig, funktionell, begründet und richtig"? fragte Kaj Franck. Die Antwort gab er mit den von ihm entworfenen Gebrauchsgegenständen, die gemeinsam haben, daß sie sich und ihr Wesen scheinbar selbst rechtfertigen. 

Als Formgestalter machte sich Kaj Franck auch Gedanken zur Bedeutung der Tradition. Er sagte, die Tradition könne zu einem einengenden und hemmenden Käfig, richtig verstanden jedoch zu einer „kraftsprudelnden Quelle" werden. 

Er zitierte Simone Weill: ,, ... Kein menschliches Bedürfnis ist wichtiger als die Vergangenheit". Er bedauerte aber auch, mit einer lebendigen und sich entwickeln den Tradition zu leben, sei wie ein Wettlauf mit einem bereits abgefahrenen Eilzug. 

„Die Tradition bedeutete ja immer Kontinuität und Veränderung", sagte Franck. Er meinte damit, die Tradition zu nutzen bedeute nicht, sie zu konservieren oder überkommene Muster der Vergangenheit zu kopieren und ihre Vorgaben sklavisch zu befolgen. Nur als lebendiger Bestandteil der allgemeinen Kulturentwicklung könne die Tradition weiterbestehen und zu einer kraftsprudelnden Quelle werden. 

Für seine Entwürfe von Gebrauchsgegenständen erforschte Franck die Vergangenheit bis hin zu primitiven Kulturen. Damals hatte „Design" eine eindeutige Ausgangsbasis, denn die Gegenstände wurden mit dem einzigen 

Zweck, rein biologische Grundbedürfnisse zu befriedigen, herge-stellt. Auch in der viel späteren Bauernkultur bestimmten Bedarf und Verwendungszweck den Entwurf von Gegenständen. 

Diese Zeit hat Kaj Franck noch selbst erlebt. Die Bilder seiner Kindheit prägten sich seiner Erinnerung genau ein; so etwa Steinschüsseln auf den langen Tischen dämmeriger Stuben. Dieses „für alle Zwecke gleich gut geeignete, einzige Basisgeschirr des Bauernhauses" wurde schließlich zum Vorbild für das funktionale Design von Kaj Franck. 

Dieses Prinzip von Praxiseignung und Schönheit formte er sein ganzes Leben hindurch aus - nicht nur zu Gegenständen, sondern auch zu Gedanken und Worten. Er lehrte, daß alles, was ein Formgestalter in seiner Arbeit zu berücksichtigen habe, sich in fünf Worten zusammenfassen lasse: Bedarf, Werkstoff, Fertigung, Form und Verwendung. 

In dieser Weise arbeitend und auf sein eigenes Gespür vertrauend, schuf Kaj Franck, ein stiller und sich gerne im Hintergrund haltender Mensch, Serien von Gegenständen, die zu Klassikern wurden. Dies war es auch, was die Besucher der Kaj-FranckAusstellung im New Yorker Museum für Modeme Kunst (MoMA) so berührte. Sie erkannten, daß die aus ihrer Kindheit vertrauten Trinkgläser schon damals, vor Jahrzehnten also, Klassiker waren, die sie zwar benutzt, aber kaum wahrgenommen hatten. 

„Nach dem großen Dichter und großen Lehrmeister der utilitaristischen Form, dem bis an sein Lebensende aktiven Kaj Franck besteht ein großes Verlangen. Aber er hat uns ein bleibendes Erbe hinterlassen", schrieb Stuart Wrede vom New Yorker Museum für Modeme Kunst. Der Gegenstand an und für sich ist laut Kaj Franck nicht das Ziel der Arbeit des Formgestalters. Ziel sollte vielmehr „eine kreative Lösung für ein gegebenes Problem" sein. Mit diesem Gedanken unterstrich Franck seinen Grundsatz, für den alltäglichen Gebrauch gedachte Gegenstände hätten „anonym", namenlos zu sein. Sie dürften nicht einmal unter Hinweis auf den Namen des Designers vermarktet werden. 

Dieser Grundsatz wurde später und wird auch jetzt durchbrochen, denn die hohe Bekanntheit von Kaj Franck als Designer gestattet den von ihm für den alltäglichen Gebrauch entworfenen Gegenständen keine Anonymität, obwohl er selbst so lebte wie er lehrte. 

Bei individuellen Kunstwerken, in der Welt des Kunstglases dagegen waren Anonymität und möglichst vollständige Unterordnung der Formen unter den Verwendungszweck natürlich nicht angesagt. Hier offenbarten sich Kaj Francks Person innewohnenden Züge - eine unendliche Neugier, eine Formen ebenso wie Fertigungstechnik und Werkstoffe erfassende Kreativität, Wärme und Humor. 

Aber auch in der Kunst blieb Kaj Franck seiner knappen Gestik und seiner Neigung, gegen den Strom zu schwimmen, treu. Die Kunst war für ihn ein Gelände gewagten Lebens und Experimentierens, in dem sich die Phantasie mit der Tradition und einer kompromißlos anspruchsvollen Entwicklung der Techniken vereinte. 

Am Entwurf des Service Kilta hatte Kaj Franck von 1948 bis 1951 gearbeitet. Entworfen hatte er Kilta ( Heute bei iittala die Serie Teema ) als ein Basisservice mit so radikal reduzierten Formen, daß es auch mit „externen" Teilen - etwa mit Einzel-stücken eines alten Service, Töpfen und Pfannen - zu einem Gedeck kombiniert werden konnte. ,,Mit Kilta soll der Begriff des einheitlichen, harmonischen Service gesprengt werden", erläuterte Franck selber. 

Dieser Gedanke wurde Wirklichkeit. Daß das Service in Produktion ging, eine Revolution in der Küche herbeiführte und schließlich dauerhafte weltweite Beliebtheit erlangte, war jedoch nur der großen Zähigkeit Francks und einer guten Portion Glück zu verdanken. 

Bis 1975 waren schätzungsweise insgesamt 25 Millionen Geschirrstücke aus der Kilta-Serie hergestellt worden. Damals war Kilta bereits ein internationaler Begriff. Und Kaj Franck selber trug sich bereits mit dem Gedanken, das Service zu erneuern. Im Jahre 1981 kam das iittala Teema-Geschirr heraus. ( damals noch unter Arabia Finland )

Dieses Comeback von Kilta war in aller Stille vorbereitet worden. Die wichtigste Änderung betraf das Material: anstelle von Fayence wurde jetzt Steingut, ein nicht nur festerer, sondern auch dünner und zierlicher zuzuschleifender Werkstoff, verwandt. Die gestalterischen Änderungen waren geringfügig und kaum zu bemerken. Teilweise handelte es sich um kleine Details, mit denen der Designer am ursprünglichen Kilta nicht ganz zufrieden gewesen war.